Saison 01/07
"Systemeinstellung"

Jedem Computernutzer vertraut, weist dieser Begriff beim Wort genommen über den technologischen Kontext hinaus. Seine Existenz verdankt das Kunstwort einer Begriffsverschiebung, bei der Erfahrungswerte aus der nicht-digitalen Welt occupiert, neu mit Inhalt gefüllt und der Welt des Virtuellen einverleibt wurden. Es ist dies also eine Art begriffliche Landnahme. Denn unter Systemeinstellungen ließen sich beispielsweise gleichermaßen soziale Systeme verstehen, denen man bestimmte Erscheinungsbilder oder Haltungen (Einstellungen) der zugehörigen Individuen zuschreiben kann.

Es eröffnen sich mannigfaltige Bezüge zur realen Erlebniswelt, in der das Leben durch die immer komplexere Verknüpfung, wechselseitige Durchdringung und Abhängigkeit unterschiedlichster sozialer, medialer, kommunikativer und politischer Faktoren zunehmend einem "Lebens-Experiment" (Sloterdijk) gleicht, in dem sich das moderne Individuum in Permanenz befindet.

"Systemeinstellung" bezieht sich auch auf künstlerische Systeme. Etwa bestimmte, komponierte oder improvisierte "Reiz-Reaktionsmuster", die auf eine darunter liegende kommunikative Systematik verweisen. Oder - gleichermaßen künstlerisch, wie sozial gedacht - das befruchtende, konkurrierende oder einander abgrenzende Aufeinandertreffen verschiedener Systeme bzw. Systemansätze. Der weite Assoziationsraum "Systemeinstellungen" schließt gleichermaßen technologische wie soziale bzw. politische Aspekte mit ein, und lässt sich auch auf den Aufführungsraum t-u-b-e mit seinen akustischen und technischen Spezifikationen beziehen. Aus diesem Blickwinkel heraus stellen wir bis Ende Juli einige hoch interessante Produktionen vor, die das Thema unter den unterschiedlichsten Aspekten reflektieren.

Live Event!
Donnerstag, 08.03.2007, 20 Uhr

"PB_UP"
Powerbooks Unplugged
Alberto de Campo, Echo Ho, Hannes Hoelzl, Jan Kees van Kampen, Julian Rohrhuber, Renate Wieser

Viele haben behauptet, das Laptop sei das moderne Äquivalent der Folk-Gitarre. Wenn dem so ist, dann ist PB_UP die erste akustische Computer Folk-Band. 6 vernetzte Laptops: das heißt Klangsynthese und Echtzeit Sound-Processing. Der Ton wird jedoch einzig über die Rechnerlautsprecher wiedergegeben. Die Idee vom Laptop als autonomem Musikinstrument wird also bei PB_UP konsequent in die Wirklichkeit umgesetzt. Dabei sitzen die sechs MusikerInnen im Publikum verteilt, schreiben und verändern Algorithmen, wobei (basierend auf der Open Source Sprache SC3) ausschließlich selbst-geschriebene Software zum Einsatz kommt. Das Klangspektrum reicht von synthetischen Texturen bis hin zu live-bearbeiteten Klängen und Feedback-Sounds der internen Rechnermikrophone.

Es entsteht sowohl physisch - durch die Verteilung der Spieler im Raum - als auch virtuell - durch deren Vernetzung - eine Drift, bei der sowohl der Ort der Generierung der Klänge, als auch der ihrer Wiedergabe ständig in Bewegung sind und so eine permanente Fluktuation von Klangerzeugung und Wiedergabe entsteht.

Live Event!
Donnerstag, 19.04.2007, 20 Uhr

"Open Plug"
Offenes Internetkonzert

Die im letzen Jahr vom t-u-b-e Team entwickelte und vorgestellte t-u-b-e-Plug Software dient dem vernetzten und ortsunbezogenen Zusammenspiel zwischen Musikschaffenden. Die Software wird als VST- oder AU-Plugin innerhalb gängiger Sequenzer- oder Musiksoftware (PC oder Mac) eingeklinkt. Das durch die Kunstschaffenden angebotene gespeicherte, generierte oder live eingespielte Klangmaterial kann interaktiv frei verschaltet werden. Zeitparalleles, ortsungebundenes und mehrkanaliges Musikschaffen und Veranstalten wird so möglich. Auf diese Weise wurden bereits im letzten Jahr von der t-u-b-e Internetkonzerte in verschiedenen Orts- und Musikerkonstellationen veranstaltet.

Im Gegensatz zu diesen, nur für einen ausgewählten und geschlossenen Musikerkreis konzipierten Konzerten wird "Open Plug" die virtuellen Tore für jeden Klang- und Musikinteressierten öffnen: öffentlich und weltweit laden wir zu einem gemeinsamen musikalischen Internet-Event ein. Dabei soll "Open Plug" einen inhaltlichen Beitrag zu den noch offenen Fragen ästhetischer Möglichkeiten und den Vermittlungsaspekten von Internetkonzerten bieten, die im t-u-b-e-Plug Workshop am 07. und 08.07.07 weiter aufgegriffen werden. Eine einfache Kurzanleitung, ein paar "Zusammenspielregeln" und die zur Teilnahme nötige Freeware werden unter www.t-u-b-e.de/openplug.htm zur Verfügung gestellt.

In der t-u-b-e selber sind Publikum und Mitspieler gerne willkommen: Bringen Sie Ihr Laptop und einen Kopfhörer mit - ein freies WLAN ermöglicht den Zugang zum Internet und somit das interaktive Mitspielen. Bei der Software-Einrichtung wird natürlich auch vor Ort Unterstützung geboten - kommen Sie ruhig etwas früher, wir sind ab 19:00 Uhr für Sie da.

Live Event!
Samstag, 12.05.2007, ab 20 Uhr

Lange Nacht Spezial: Seidel/Schnitzler Kassetten Konzerte

Conrad Schnitzler, Mitbegründer von Tangerine Dream und Beuys Schüler, begann die Kassetten Konzerte aus einer Not heraus: Um mit einem einzigen kleinen Synthesizer komplexe Kompositionen zu realisieren, nahm Conrad Schnitzler die einzelnen Parts auf Kassetten auf, die er dann mit Hilfe mehrerer Abspielgeräte mischte. Die kleinste Variante dieses Konzeptes war ein Anzug mit Taschen für kleine, batteriebetriebene Player und dazu ein Helm, der von einem Lautsprecher gekrönt wurde. Fertig war der elektronische Straßenmusiker. Dieses Konzept ist zwar aus der Notwendigkeit geboren, technische und ökonomische Einschränkungen zu überwinden, wurde aber schnell Methode, um in einer Kollagentechnik spontan immer neue Kompositionen aus einer stetig wachsenden Zahl von Bausteinen zu erzeugen. Deshalb blieb Conrad Schnitzler dieser Arbeitsweise treu, als mit dem Einzug des Computers in die Musik ein großer Teil der ursprünglichen technischen Probleme wegfielen. Der nächste Schritt für ihn war die Delegierung der Arbeit des "Dirigenten" ­ also desjenigen, der die Bausteine seiner Musik auswählt und mischt ­ u. A. an Wolfgang Seidel. Seidel war Musiker beim Lehrlingstheater Rote Steine und Mitbegründer der daraus hervorgegangenen Band Ton Steine Scherben und Schlagzeuger auf deren erster Platte. Die bislang längste Aufführung der Kassetten Konzerte war 50 Stunden lang - zur langen Nacht der Musik in München präsentiert die t-u-b-e eine 5stündige Version (kontinuierlicher Einlass).
Achtung: Eintrittskarte zur langen Nacht der Musik erforderlich!

Live Event!
Donnerstag, 24.05.2007, 20 Uhr

Philip Samartzis - electro-laptop
Eric la Casa - micro-laptop
Jean-Luc Guionnet - electro-sax

Das Trio La Casa / Guionnet / Samartzis formierte sich 2005 in Australien anlässlich des "Liquid Architecture"- Festivals, wo die drei Musiker eine Reihe von Improvisationskonzerten in Melbourne und Brisbane gaben. Jedes Konzert wurde in Beziehung zur spezifischen Dynamik des jeweiligen Aufführungsortes gestaltet: durch Echtzeit-Improvisation und -Interaktion, durch Mikrophonierung der Umgebung, live Elektronik und Mehrkanalton. Mit einer Fülle von Klängen und musikalischen Gesten reagierte das Trio so auf die Orte und schuf unterschiedliche Zustände von klanglicher Dichte. Zonen für Hörerfahrungen entstanden, die auf die komplexen und vielgestaltigen Bezüge zwischen dem Konstruierten (Künstlichen) und der Natur verwiesen. Das Trio wird diese Arbeit auch 2007 fortsetzen, dabei insbesondere die Verknüpfung von Klang, Ort und Raum fokussieren und dabei eine Reihe von künstlerischen Strategien verfolgen Die Intention des Trios ist es, das Zusammenspiel zwischen klanglich-musikalischer Artikulation und räumlicher Intervention zu erforschen, um so wechselnde Zustände von Bewusstheit zwischen musikalischen und nicht-musikalischem Klängen zu schaffen.

Live Event!
Donnerstag, 07.06.2007, 20 Uhr

André Ruschkowski: Perfect Nowhere

Die Ereignisse unserer Lebensumgebung erleben wir zunehmend als medial vermittelt und gefiltert. Im künstlerischen Umgang mit dieser Situation dominieren zwei gegensätzliche Strategien: Auf der einen Seite gerät alles gleichermaßen zum Rohmaterial für einen universellen "Mashup"-Prozess, in dem der Produzent aus all diesen Elementen und in der Regel ohne Rücksicht auf existierende Zusammenhänge, seine eigene künstlerische Realität erschafft. Auf der anderen Seite wächst durch diese Entwicklung auch die Sensibilität für charakteristische und individuelle Eigenschaften von Orten und Räumen, welche dann ihrerseits medial konserviert und inszeniert werden. So sucht die Bewegung der "Phonographie" die akustischen Eigenheiten eines Ortes zu entdecken und festzuhalten. Dieses aktuelle Spannungsfeld zwischen universeller "Mashup"-Verfügbarkeit und "Phonographie"-Akkuratesse bildet den Ausgangspunkt für die Perfect Nowhere-Performance. Jeder Besucher der t-u-b-e kann seinen individuellen Weg dorthin finden. Trotz aller Individualität weisen diese Wege aber durch die räumliche Fokussierung zahlreiche gemeinsame, d.h. interpersonelle Merkmale auf. Der zurückgelegte Weg zum Veranstaltungsort wird mit einer Kamera und einem Mikrofon dokumentiert und bildet das orts- und situationsspezifische, visuelle und akustische Ausgangsmaterial der Präsentation im Aufführungsraum. Die originalen visuellen und akustischen Eigenschaften erfahren im weiteren Verlauf der Performance zahlreiche graduell abgestufte Modifikationen. Der Komponist elektronischer Musik und Autor André Ruschkowski ist Professor of Sound Art am Savannah College of Art and Design, Georgia (USA).

Live Event!
Samstag 07.bis Sonntag 08.07.2007

workshop: plugged

Seit vergangenem Jahr ist das von Jörg Stelkens programmierte t-u-b-e-Plug fester Bestandteil des t-u-b-e Raum-Klang-Konzepts, das sich mit diesem PlugIn nun auch in den virtuellen Raum des Internet erweitert hat. Zwei mit internationaler Beteiligung erfolgreich realisierte Konzerte erfüllten die Erwartungen, damit ein ideales Werkzeug bei der live Vernetzung von Musikern anbieten zu können (s. auch "Open Plug, 19.04.07). In einem zweitägigen Workshop werden Jörg Stelkens und Ulrich Müller nicht nur eine Einführung in die Arbeit mit dem t-u-b-e-Plug und die technische Konzeption von Internetkonzerten anbieten, sondern darüber hinaus mit den Teilnehmern vor Ort und über das Netz zugeschalteten Künstlern, die bereits Erfahrungen mit Internet-Konzerten gewonnen haben, Fragen und Problemstellungen der Aufführungspraxis und Ästhetik von Internetkonzerten diskutieren und praktisch erproben. Dabei sollen insbesondere auch die musikalisch-performativen Konsequenzen fokussiert werden, die sich für Aufführende und Rezipienten ergeben. Die an der Realisation des Workshops beteiligten Künstler sind: Guy van Belle (Belgien), Pete Dowling (Schottland), Christoph Reiserer und Axel Singer (beide München). Die Teilnahme ist kostenfrei. Voraussetzung ist ein eigenes Laptop bzw. ein Desktop-Rechner. Interessenten bitte bis zum 29.06.2007 per E-Mail anmelden: (Betreff: t-u-b-e workshop)

Live Event!
Donnerstag, 12.07.07, 20 Uhr

Matthew Ostrowski
"Insomnia" (live-Elektronik)

Der international renommierte New Yorker Musiker Matthew Ostrowski arbeitet seit den frühen 80er Jahren in den Bereichen Improvisierte Musik, Musiktheater und Klanginstallation. Dabei gilt schon über einen langen Zeitraum hinweg sein Interesse insbesondere der Dichteverteilung von klanglichen Micro-Events und ihrer plötzlichen Änderung, sowie dem Einsatz von Technologie zur Ausdehnung der Grenzen von Wahrnehmung und Erfahrung. Er präsentierte seine Arbeiten in Europa (u.a. Wien Modern Festival, Krakow Audio Art Festival), den USA (u.a. The Kitchen New York), In Australien (Melbourne Festival) und sogar in Afrika, bei "Unyazi", dem ersten Festival für elektronische Musik auf dem Afrikanischen Kontinent. Zuletzt realisierte er nach einer ausgedehnten Tournee und einer Reihe von Workshops u.a. in der Tschechischen Republik und in Südafrika die Installation "Draden" für elektrisch verstärkte und klanglich prozessierte Glühlampen. Darüber hinaus ist er Mitglied des Trios "Fair Use", dessen Arbeit im Wesentlichen um "spontane Vertonungen" von Spielfilmklassikern kreist, die mit extrem hoher Geschwindigkeit abgespielt werden. Matthew Ostrowskis Arbeiten wurden auf mehr als einem Dutzend CDs veröffentlicht.

Live Event!
Samstag, 28.07.2007, 11 bis 24 Uhr

Remix - Re?
DEGEM: Eintägiges Symposium und Remix-Konzertprojekt

Akustische Welterfahrungen und musikalische Konstruktionen mit DJane Barbarella, Barney and the Beast, MC Broadcast, Commander Gertrud, Aldo Tamara, Wohnprojekt Brüsseler Platz u.v.a.. In Workshops, Performances und Vorträgen wird die Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik (DEGEM) aktuelle Entwürfe medialen Komponierens präsentieren und zur Diskussion stellen: unter anderem wird dabei auch das Klang-Reservoir der legendären DEGEM-CD "90 Sekunden Wirklichkeit" Ausgangspunkt eines Remix-Konzertprojektes sein. Remix - Re? Aufgrund der vollständigen Durchdringung aller Lebensbereiche mit medialen Artefakten stellt sich die Frage nach deren Verwendung als "kunstfähigem Material": quantitativer Überfluss an "Samples" aller Art oder qualitativer Mangel an ästhetischen Strategien? - Die neuen zeitlich und räumlich entgrenzten Radioformate und iPods gehen weit über die traditionellen Formen von Musikrezeption hinaus. Dies berührt nicht nur die spannende Frage nach unserer akustischen Welt-Erfahrung, sondern auch die ästhetisch-klangliche Komposition (!) von Wirklichkeiten. - Stehen wir vor neuen Anforderungen an ästhetische Formen, Inhalte und Strukturen elektroakustischer Kunst?

Weitere Details auf www.degem.de

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Das aktuelle Programm wird im Internet unter www.t-u-b-e.de und im Fließsatz der Tagespresse veröffentlicht.

Programmänderungen vorbehalten.