Programmvorschau März - Juni 2004

Live Event!
Freitag, 12. März, 20.30 Uhr

Sprechmusik: Performance mit den Lautpoeten Michael Lentz, Jaap Blonk und Anna Clementi. Neue Soli, Duos und Trios, u.a. Uraufführung zweier Lautgedichtfolgen von J.A. Riedl. Klangregie: Josef Anton Riedl

Mitveranstalter: Internationale Frühjahrsbuchwoche "Literatur & Musik" (7.-15. März 2004)

Eintritt: € 8.-/erm. € 6.-; nur Abendkasse

- "rorareirauriererorareirauriero"
- Heißt was?

Heißt erst einmal gar nichts. Bedeutung indes steckt hinter dieser Buchstabenfolge, die an einen harmlosen Abzählreim erinnern könnte, durchaus. Um dem näher zu kommen, ist es jedoch nötig, sich von der bloß visuellen Aneignung dieser scheinbar sinnfreien Zeichenkette, an der sich das lesende Auge entlangtastet, zu lösen und an dessen Stelle den Wechsel der Wahrnehmungsebene zu fokussieren, der sich beim Übergang vom stummen Lesen zum Nachsprechen vollzieht. Aus einer Folge von gelesenen Buchstaben wird eine Folge von hörbaren Lauten. Zwar gemahnen diese Laute noch an Sprache, aber durch die Herauslösung aus semantischen Zusammenhängen wird ihr klangliches Potential freigesetzt. Und damit kommt ihnen eine neue Qualität zu. Sie werden musikalisches Material, komponierbar wie jeder andere Klang auch: Sprechen als Musik.

"Zwei Lautgedichtfolgen" hat Josef Anton Riedl seine Komposition "rorareirauriererorareirauriero" genannt. Und mit dem Begriff des Lautgedichtes ist auch zutreffend jene Amalgamierung von Sprache und Musik bezeichnet, deren Wurzeln im Dadaismus liegen und die zur Herausbildung eigenständiger Formen geführt hat. Dabei waren es gleichermaßen Komponisten wie Literaten, die zur Entwicklung der Gattung der Lautpoesie beigetragen haben. Zu nennen wären Namen wie Raoul Hausmann als einer ihrer Begründer, Ernst Jandl, Gerhard Rühm, Dieter Schnebel, Josef Anton Riedl oder - aus der jüngeren Generation - Michael Lentz, Jahrgang 1964, und der 1953 in Holland geborene Jaap Blonk, der zu den international profiliertesten Vertretern der Lautpoesie gehört. Er arbeitet im Bereich der Neuen und der improvisierten Musik, wobei er in seinen Vokalstücken immer wieder die Grenzen sprachlicher Semantik auslotet.

Diese nur bruchstückhafte Aufzählung, die immerhin ein knappes Jahrhundert überspannt, legt nahe, hier von der Herausbildung einer Tradition der Lautpoesie zu sprechen. Doch wäre dies allein schon wegen der im Begriff der Tradition impliziten Rückbezogenheit unscharf. Könnte es doch suggerieren, es gäbe hier so etwas wie eine reine Lehre. Tatsächlich jedoch scheint den Protagonisten dieser Kunstgattung bis heute viel eher ein ungebändigter Entdeckertrieb eigen, der immer wieder aufs Neue auf Entgrenzung statt auf Abgrenzung zielt. Dies zeigt sich allein schon in deren Affinität zu neuen technischen Errungenschaften. So wurden zunächst das Tonband, später der Sampler und schließlich der Computer maßgebliche und auch formbildende Werkzeuge, mit denen die Lautpoeten experimentierten. Auch in den Lautgedichten von Josef Anton Riedl finden sich Aspekte, die auf seiner Auseinandersetzung mit der elektronischen Musik beruhen. Riedl, der heute u.a. die "Klang-Aktionen" gestaltet, setzte sich schon früh mit der aus Frankreich stammenden "musique concrete" auseinander und schuf eine Vielzahl von Tonbandkompositionen. Dabei wurden die Schnitt- und Montagetechniken der frühen elektronischen Musik für seine Lautkompositionen ebenso bestimmend wie die Einbeziehung von Umweltklängen und Geräuschen sowie der Medienmix. Auch in den zwei Lautgedichtfolgen "rorareirauriererorareirauriero" bleibt Riedl nicht beim Sprachklang allein. Hinzu kommen Geräusche wie Händeklatschen und -reiben, Stampfen und schließlich, in der zweiten Folge, CD-Einspielungen elektronischer Musik, Sprechen, Singen, Schreien sowie Klänge und Geräusche der Industrie, die elektronisch verarbeitet wurden. Das Sprachmaterial ist eine Buchstabenfolge, die er willkürlich einer Radiozeitschrift entnommen hat und - wie auch schon in früheren seiner Lautgedichte - ein Satz, aus Büchners "Leonce und Lena", dem für diese Kunstgattung an der Grenze zwischen Sprache und Musik eine geradezu metaphorische Qualität zukommt: "Vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so."

Gewidmet hat Riedl diese Komposition den beiden Vortragenden: Anna Clementi und Michael Lentz, mit denen ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. Anna Clementi studierte u.a. Querflöte, Schauspiel, Jazzgesang sowie experimentelle Vokalmusik und zeitgenössisches Musiktheater. Neben ihrer Zusammenarbeit mit Dieter Schnebel, sowohl als Solistin als auch im Ensemble "die maulwerker", hat sie sich besonders mit der Arbeit von John Cage auseinandergesetzt, dessen Werke für Stimme sie weltweit auf zahlreichen Festivals aufgeführt hat. Ihr Repertoire umfaßt Neue Musik, Freie Improvisation, Jazz, Performance Art, und ebenso Chanson, House und Dub. Michael Lentz ist einer der vielseitigsten deutschsprachigen Autoren. Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger hat Lyrik und Prosa veröffentlicht (u.a. 2002 Muttersterben, 2003 den Roman Liebeserklärung), ist Musiker (Sprecher, Saxophonist) und Interpret von experimentellen Texten und Lautgedichten. Im Zuge seiner Promotion verfaßte er die wohl umfassendste Arbeit über "Lautpoesie nach 1945" und ist seit 1996 Kurator der Veranstaltungsreihe "SOUNDBOX. Akustische Kunst" in Salzburg und München.

Text: Ulrich Müller 2004

Michael Lentz

geb. 1964, promovierte mit dem Thema „Lautpoesie nach 1945“ (2003). Er hat Lyrik und Prosa veröffentlicht (u.a. 2002 Muttersterben, 2003 den Roman Liebeser-klärung), ist Musiker (Saxophonist) und Interpret von experimentellen Texten und Lautge-dichten. Er wirkte bei zahlreichen Uraufführungen von Sprechakten mit, u.a. bei den Klang-Aktionen der Neuen Musik München, und ist seit 1996 Kurator der Veranstaltungs-reihe SOUNDBOX. Akustische Kunst in Salzburg und München.

Jaap Blonk

geb. 1953 in Holland, ist Komponist, Stimmkünstler und Soundpoet, Studium der Physik, Mathematik und Musikwissenschaft. Spielt Saxophon. Zusammenarbeit mit Musikern und Ensembles im Bereich der Neuen und Improvisierten Musik - u.a. Michael Lentz, Netherlands Wind Ensemble - wobei er in seinen Vokalstücken immer wieder die Grenzen sprachlicher Semantik auslotet..

Anna Clementi

in Rom aufgewachsen, studierte u.a. Querflöte, Schauspiel, Jazzgesang und Belcanto; weitere Studien in den Bereichen experimentelle Vokalmusik und zeitge-nössisches Musiktheater folgten 1985 in Berlin bei Dieter Schnebel, mit dem sie seither eng zusammenarbeitet. Ihr Musikrepertoire umfaßt Zwölftonmusik, Kabarett, Freie Impro-visation, Jazz, Performance Art, Chanson, House und Dub. Anna Clementi lebt in Rom und Berlin.



Live Event!
Freitag, 7. Mai 2004, 20 Uhr

"hear & now"
Tage improvisierter, elektronischer Musik
05. bis 07.05.2004
Jazzclub Unterfahrt, im EINSTEIN München
in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München
und der t-u-b-e Klanggalerie

Ignaz Schick / Martin Tétreault
An Evening of Scrapes, Cut Ups,
Feedback & Surfaces

Aus ihrem gemeinsamen Interesse für vorgefundene (Klang-) Objekte heraus gingen Ignaz Schick (Berlin) und Martin Tétreault (Montreal) nach ihrer Begegnung beim Garage-Festival Stralsund 2003 eine Zusammenarbeit ein, die sie in dieser Besetzung nun auch erstmals nach München führt.

Martin Tétreault ist ein international bekannter DJ und Improvisator. Ursprünglich von der Bildenden Kunst kommend hat er seit 1985 zunehmend die musikalischen Qualitäten des Plattenspielers selbst experimentell erforscht. So arbeitet er unmittelbar mit dem Klang des Motors, benützt präparierte Nadeln, spielt mit der Oberfläche des Plattenspielers und setzt zusätzlich eine Reihe kleinerer elektronischer Hilfsmittel und Instrumente ein. Martin Tétreault war in einer Vielzahl von live-Aufführungen zu hören und hat eine Reihe von CD´s veröffentlicht. Dabei arbeitete er mit so renommierten Musikern wie Diane Labrosse, René Lussier, Jean Derome, Michel F. Côté, I8U, Otomo Yoshihide, Kevin Drumm, Xavier Charles, Ikue Mori und vielen anderen zusammen.

Ignaz Schick stammt aus München, wo er zunächst Saxophon studierte und als Assistent und Musiker mit Josef Anton Riedl zusammenarbeitete. Nach einer kurzen Studienzeit an der Münchner Akademie der Bildenden Künste richtete sich sein Interesse zunehmend auf die Arbeit mit vorgefundenen Materialien, selbstentwickelten Instrumenten und elektronischen Hilfsmitteln. So arbeitet er heute schwerpunktmäßig mit Kontaktmikrophonen und Feedback-Processing. Seit 1995 lebt Ignaz Schick in Berlin, wo er mit einer Reihe von Gruppen und Musikern der sogenannten "Berlin Nouvelle Vague" zusammenarbeitet. 1998 gründete er die "Edition Zangi", gefolgt von dem Label "Zarek". Er organisiert Veranstaltungen und Festivals für experimentelle Musik und arbeitet derzeit für das renommierte Label "Staalplaat". Seine Konzertreisen führten ihn in eine Reihe europäischer Länder und die USA. Darüberhinaus realisierte er eine Reihe radiophoner Kompositionen.

Weitere Termine der Reihe "Hear & Now"

Mittwoch, 5. Mai 2004
21 Uhr, Jazzclub Unterfahrt
Durrant-Lehn-Geisse

Donnerstag, 6. Mai 2004
21 Uhr, Jazzclub Unterfahrt
Houtcamp´s pow3 the thirteen bar blues

Freitag, 7. Mai 2004
21 Uhr, Jazzclub Unterfahrt
Solo 1: Charlotte Hug "Neuland"
Solo 2: Franz Hautzinger

Weitere Informationen www.unterfahrt.de veröffentlicht.



Live Event!
Samstag, 15. Mai, 20.00 Uhr

Resonance FM
"t-u-b-e spezial" zur Langen Nacht der Musik

Resonance FM ist ein Laborradio für Radiokunst. Seit zwei Jahren machen KünstlerInnen aus London ein Programm, das Ihren Vorstellungen von Radio entspricht: keine Werbung, keine Stauschau, sondern eine radikale Alternative die aus dem Untergrund der Londoner Szene entspringt.

Vier der aktiven KünstlerInnen von Resonance FM präsentieren speziell für die 'Lange Nacht der Musik' sich und die Radiostation in der t-u-b-e: Lepke B, Sarah Washington, Xentos (aka Harmon E. Phraisyar) und Knut Aufermann. Ein Auswahl von Resonance FM Programmen, DJ und VJ Sets, Klanginstallationen und Live Performances jeweils zur vollen Stunde machen diese Nacht zu einem Feuerwerk der experimentellen Radiokunst. Mit Musik aus gecrackten Spielzeugen (circuit bending), Rückkopplungen, Loops, Field Recordings, Hörspielen, Klangepisoden addiert mit Videowerken des VJ Veterans Lepke B.

Ein Teil des Abends wird live auf UKW in London (104.4 MHz) und im Internet unter www.resonancefm.com übertragen.


Live Event!
Donnerstag, 10. Juni 2004, 20 Uhr

BMB con. (NL)
Audio-Performance von und mit Roelf Toxopeus, Wikke ´t Hooft und Justin Bennett

Elektronisch generierte Klänge, gemischt mit Naturklängen, Video-Projektionen und performative Aktionen im Raum - all das verbindet sich in den Arbeiten der niederländischen Gruppe BMB con. auf unvorhersagbare und mitunter verstörende Weise zu einem "Guerilla-Theater" mit hi- und lo-tech. Dabei ist der Begriff des Spiels für die Arbeiten von BMB con. von zentraler Bedeutung. Spiel verstehen sie nicht nur im Sinne einer spielerischen Kombination von Klängen, Bildern und verschiedenen Gestaltungstechniken, sondern ebenso als den unmittelbaren Akt der Aufführung. Entsprechend weit gefächert ist das Spektrum der Materialien, mit denen sie experimentieren. Alles ist möglich: "Spiegel, Mikrofone, Bäume, Feuer, Eis...". Im Vordergrund steht, sowohl auf der akustischen, wie auch auf der visuellen Ebene die Arbeit mit digitalen Medien. "Crackling sounds - ein Lieblingsbegriff von BMB con. entstehen, wenn neue elektrische Kontakte hergestellt und andere unterbrochen werden".

Die Materialien der Performances von BMB con. werden in ausgedehnten improvisatorischen Arbeitsprozessen zu audio/visuellen "Systemen" verdichtet, die immer wieder neu auf den jeweiligen Aufführungsort abgestimmt werden. Und auch hier kennt ihre Lust am Experiment kaum Grenzen, wenn sie als mögliche Aufführungsorte Museen, Wälder, Boote, Konzerthallen oder Wassertanks aufzählen. Die ungewöhnlichen Performances von BMB con. haben der Gruppe längst auch einen internationalen Ruf eingebracht. Ihre Auftritte führten sie u.a. nach Deutschland, England und bis in die USA.
Weitere Informationen: http://www.bmbcon.demon.nl


Live Event!
Donnerstag, 17. Juni 2004, 20 Uhr

Peider A. Defilla
MUSIK ZUM SEHEN
Musik und Filme von Peider A. Defilla

Peider A. Defilla, 1954 in Zürich geboren, studierte zunächst Musik (Violine, Orgel, Komposition) und anschließend Malerei und Objektkunst an der Akademie der Bildenden Künste München. 1987 gründete er die B.O.A.-Studios für Video und Filmkunst in München. Bereits Defillas erste Experimentalfilme und Film-Performances gewannen internationale Preise wie z.B. den Agfa-Cinemathèque-Royale-Förderpreis in Knokke-Heist (Belgien) oder den Publikumspreis Espaces in Paris. 1998 und 2001 erhielt Defilla, der auch zahlreiche Film- und TV-Dokumentationen gestaltet hat, den medizinischen OSKAR der ASCRS für die Gestaltung der Filme "Deep Sclerectomy" und "Stabilization of Thoric Plate Haptic" von T. Neuhann. Ebenfalls 2001 fand anlässlich der Donaueschinger Musiktage die Uraufführung seiner Video-Oper "Donaumusik" statt. Seit 2 Jahren ist auf BRalpha sein wöchentliches Musik-Essay-Magazin "musica viva-forum der Gegenwartsmusik" zu sehen. Darin reflektiert Defilla Tendenzen und Perspektiven der Neuen Musik.

Das aktuelle Programm wird im Internet unter www.t-u-b-e.de und im Fließsatz der Tagespresse veröffentlicht.

Programmänderungen vorbehalten.